Es gibt Arbeitsplätze, die irgendwann zu einem Stück Biografie werden. Für Uli Rathmann ist die Stadt Bebra ein solcher Ort. 41 Jahre war er hier beschäftigt, 24 davon im Jugendzentrum. Zuletzt arbeitete der 66-Jährige im Fachdienst Generation. In dieser langen Zeit hat sich vieles verändert: die Stadt, die Arbeitswelt und vor allem die jungen Menschen, die ihm im Laufe der Jahre begegnet sind. Aus manchen Begegnungen wurden Erinnerungen, aus manchen Kontakten Bekanntschaften, die über Jahre geblieben sind. Nun verabschiedet er sich aus dem Berufsalltag.
Seinen Weg in die soziale Arbeit hatte Rathmann mit einem Studium an der Gesamthochschule Kassel vorbereitet. Dort studierte er Soziale Arbeit und schloss als Diplom-Sozialarbeiter / Diplom-Sozialpädagoge mit dem Schwerpunkt Jugend- und Erwachsenenbildung ab. Die berufliche Laufbahn führte ihn schließlich zur Stadt Bebra.
Gerade die 24 Jahre im Jugendzentrum haben dabei einen besonderen Platz in seiner beruflichen Laufbahn. Jugendarbeit lässt sich schließlich nur schwer nach Dienstplan und Aktenlage betreiben. Wer mit jungen Menschen arbeitet, muss zuhören können, muss geduldig sein, manchmal spontan reagieren und darf auch dann nicht gleich aus der Ruhe kommen, wenn etwas anders läuft als geplant. Rathmann ist diese Seite des Berufs vertraut. Und er hat im Laufe der Jahre vermutlich auch gelernt, dass sich manche Situationen erst im Nachhinein einordnen lassen.
Zu seinen Verantwortungsbereichen gehörten unter anderem die Organisation und Durchführung der Ferienspiele sowie die Gestaltung von Spielplätzen und Spielflächen. Auch zahlreiche Kooperationsprojekte mit Schulen und Institutionen fielen in seinen Aufgabenbereich. So war Rathmann beispielsweise für den Aufbau Fun- und Bikeparks an der Brüder-Grimm-Schule beteiligt. Hinzu kamen die Organisation interkultureller Feste und Begegnungen sowie die Gedenkarbeit in Kooperation mit Schulen, insbesondere mit Blick auf das jüdische Leben in Bebra. Dankbar ist Rathmann darüber, dass sich im Rahmen seines Engagements auch Freundschaften entwickelt haben.
Bei all diesen Aufgaben spielte für den Sozialarbeiter ein Gedanke eine zentrale Rolle. Ein Stadtrat habe ihn einmal treffend als „Netzwerker“ bezeichnet, erzählt er. Diese Beschreibung sei ihm bis heute in Erinnerung geblieben. „,Netzwerker‘ bedeutet, alle relevanten Akteure in die Arbeit mit einzubeziehen und ihre Ideen und Vorschläge bei der Umsetzung zu berücksichtigen. Besonders wichtig war mir immer, mit den Menschen gemeinsam die für sie wichtigen Projekte abzusprechen und sie dann mit ihnen selbst in die Umsetzung zu bringen oder, wenn das Projekt es nicht hergibt, es umsetzen zu lassen.“
Vielleicht passt deshalb auch seine Antwort auf eine etwas ungewöhnliche Frage ganz gut zu seinem langen Berufsleben. Zum Abschluss wurde er gebeten, sich einen Titel für ein Buch über seine berufliche Laufbahn auszudenken. Seine Antwort kam mit einem Augenzwinkern: „Wenn du denkst, das gibt es nicht … die Realität lehrt dich Besseres.“ Ein Satz, der gut zu jemandem passt, der viele Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, in dem sich der Alltag nicht immer an Drehbücher hält. Dabei dürfte Rathmanns Arbeit nie allein darin bestanden haben, Termine zu koordinieren oder Aufgaben abzuarbeiten. Gerade im Fachdienst Generation geht es um Menschen und um die unterschiedlichen Lebensphasen, die eine Stadtgesellschaft ausmachen. Die Arbeit ist damit immer auch Beziehungsarbeit.
Hinter seiner Arbeit stand auch ein grundsätzlicher Anspruch. Rathmann ging es darum, Menschen einzubeziehen, die andernfalls möglicherweise nicht gehört würden und ihnen eine Stimme zu geben. „Mir ging es allgemein gesagt dabei immer darum, Benachteiligungen auszugleichen, Diskriminierung zu vermeiden und Menschen zusammenzubringen – etwa beim Suppenfest – um Vorurteile abzubauen. Dabei habe ich mich als Sprecher oder Ombudsmann für Minderheiten, Kinder und Jugendliche und Menschen, die sonst nicht gehört werden, verstanden.“
Ganz leise wird der 66-Jährige allerdings nicht von der Bildfläche verschwinden. Auch nach seinem Ausscheiden soll es weiterhin eine Verbindung zur Stadt Bebra geben. Der Ruhestand bedeutet für ihn also nicht zwangsläufig, dass von einem Tag auf den anderen sämtliche Verbindungen gekappt werden. Für seine Kollegen dürfte der Abschied dennoch eine Veränderung bedeuten. Rathmann selbst nennt drei Eigenschaften, mit denen sie ihn beschreiben würden: humorvoll, optimistisch und kompetent. Seine Antwort versieht er mit einem Lachen. Selbstironie gehört offenbar ebenfalls dazu.
Vielleicht ist das eine passende Mischung für jemanden, der über vier Jahrzehnte im Dienst einer Stadt gearbeitet hat: Humor, wenn es kompliziert wurde und Optimismus, wenn nicht sofort eine Lösung auf dem Tisch lag, gemischt mit Kompetenz, um am Ende doch eine zu finden. Vermutlich ist genau das das Besondere an einem langen Berufsleben in der kommunalen Sozialarbeit. Man hinterlässt nicht nur etwas in der Verwaltung, sondern vor allem bei den Menschen, mit denen man zu tun hatte.
Die Stadt Bebra bedankt sich bei Uli Rathmann für sein langjähriges Engagement und die vielen Jahre, in denen er das Leben und Miteinander in der Stadt mitgestaltet hat und wünscht ihm für seinen Ruhestand alles Gute.







