Es riecht nach Papier, nach Geschichte und nach einer Zeit, die längst vergangen scheint. Wer die Regale des Bebraer Kommunalarchivs im Rathaus durchstreift, stößt nicht bloß auf Akten und alte Zeitungen. Hier warten Geschichten darauf, wiederentdeckt zu werden. Geschichten von Menschen, Vereinen, Unternehmen und einer Stadt samt Stadtteilen, die sich über Generationen hinweg verändert hat. Das Bebraer Archiv ist das einzige Kommunalarchiv im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.
Mit rund 360 Metern Archivgut in Aktenform ist es ein Gedächtnis der Stadt Bebra. Hinzu kommen Fotos, Filme und digitale Bestände, die in dieser Zahl noch gar nicht enthalten sind. Gemessen wird ein Archiv übrigens nicht nach der Anzahl seiner Dokumente, sondern nach den Regalmetern, die sie einnehmen.
Einen beachtlichen Teil der Sammlung machen die Zeitungen aus. Rund 52 Meter Zeitungsausgaben stehen mittlerweile in den Regalen und jeden Tag kommt ein weiteres Exemplar hinzu. Jede Ausgabe wird dauerhaft aufbewahrt. Wer in der Vergangenheit stöbern möchte, kann dies kostenfrei tun. Für Interessierte stehen Zeitungen aus mehr als einem Jahrhundert bereit. Die älteste Ausgabe stammt vom „Bebraer Tageblatt“ und eröffnet einen Blick in eine Zeit, in der Bebra noch ein ganz anderes Gesicht hatte.
Das Archiv erzählt weit mehr als Schlagzeilen vergangener Jahrzehnte. Es gliedert sich in verschiedene Bereiche: Zeitungen, Vereinsunterlagen, Firmenarchive, Chroniken der Stadt und ihrer Stadtteile sowie eine umfangreiche Sammlung rund um die Eisenbahn. Besonders eindrucksvoll ist die Dokumentation der elf eingemeindeten Stadtteile. Für jedes Dorf existieren Gemeinde-Archiv-Verzeichnisse, die den Wandel über Jahrzehnte nachvollziehbar machen. Dort finden sich Informationen über die ersten Gaststätten oder die Anzahl der Kneipen, bauliche Veränderungen, Ortsvorsteher, Landwirtschaft, Bauwesen oder Grundsteuerhebelisten. Die Unterlagen reichen teilweise bis in die Zeit um 1929 zurück und bilden nahezu ein Inhaltsverzeichnis der Ortsgeschichte.
Ein weiterer Schatz sind die Bestände ehemaliger Vereine. Lösen sich Vereine auf, können sie ihre Erinnerungsstücke dem Stadtarchiv übergeben. Fahnen oder Vereinsutensilien finden hier ebenso einen sicheren Platz wie das, was für Historiker besonders wertvoll ist: Urkunden und Protokollbücher. Sie dokumentieren das Vereinsleben oft lückenlos und bewahren es für kommende Generationen. So haben bereits Unterlagen der ehemaligen Liedertafel ihren Weg ins Archiv gefunden. Auch die Geschichte heimischer Unternehmen bleibt nicht unbeachtet. Firmenunterlagen ergänzen das Bild der wirtschaftlichen Entwicklung Bebras und seiner Stadtteile.
Eine bedeutsame Rolle spielt zudem die Eisenbahn. Ihre Bedeutung für Bebra prägt die Stadt bis heute. Deshalb sammelt das Archiv nicht nur Unterlagen mit direktem Bezug zur Stadt. Auch Bücher oder Dokumente, in denen Bebra eine Rolle spielt, werden aufgenommen. Zu den außergewöhnlichen Stücken gehören unter anderem eine Urkunde für einen „Weichensteller erster Klasse“ aus dem Jahr 1904, Unterlagen der ehemaligen Eisenbahnfachschule Bebra sowie das Werk „Bahnhof Bebra“ von Stadtarchivar Peter Kehm. Gemeinsam mit Reinhold Swierkowski und Diether Bostelmann engagiert Kehm sich dafür, die Geschichte Bebras zu bewahren und für kommende Generationen zugänglich zu machen.
Bevor Dokumente dauerhaft ins Archiv aufgenommen werden, durchlaufen sie eine sogenannte Vorarchivierung. Gemeinsam wird geprüft, ob Unterlagen archivwürdig sind. Erst danach werden sie offiziell übernommen und im sogenannten „Findbuch“ verzeichnet, damit sie später gezielt recherchiert werden können. Archivieren ist dabei weit mehr als bloßes Aufbewahren. Es heißt, Geschichte für die Ewigkeit zu sichern, für die Nachwelt und für alle, die wissen möchten, wie ihre Heimat geworden ist, was sie heute ist.
Damit dieses Gedächtnis weiter wachsen kann, hofft das Archiv auf Unterstützung. Gesucht werden Fotos, Dokumente und Erinnerungsstücke, bevor sie auf dem Dachboden verschwinden. Oft schlummern gerade in privaten Schubladen wahre Schätze. Wichtig ist dabei, dass zu den Bildern möglichst viele Informationen bekannt sind, etwa, wer oder was zu sehen ist, wann und wo die Aufnahme entstand und aus welchem Anlass sie gemacht wurde. Wie wertvoll solche Bilder sind, zeigt ein Beispiel aus dem Archiv. Ein historisches Foto führt in die Mitte der 1930er-Jahre zurück. Es erinnert an die frühere Badeanstalt an der Fulda, die 1924 eröffnet worden war. Damals badeten die Menschen in einem abgesteckten Bereich des Flusses gegenüber dem „Gut Mischels“. Zu sehen ist das Foto auf den Social Media Kanälen der Stadt Bebra (Facebook / Instagram).
Zwischen vergilbten Zeitungen, handgeschriebenen Protokollbüchern und historischen Fotografien wird im Bebraer Stadtarchiv schnell klar, dass Geschichte nicht ausschließlich aus großen Ereignissen besteht. Sie lebt auch von den kleinen Geschichten des Alltags und davon, dass jemand sie bewahrt.







