Fest im Sattel: Oliver Krauss vor seiner Abfahrt auf dem Heimweg in Richtung Norden.

Eigenbau-Motorrad: Lautlos mit 80 von Pinneberg über Bebra nach Nizza – und zurück

Man kann seinen Jahresurlaub am Meer verbringen. Am Strand der Côte d’Azur liegen, die südfranzösische Gelassenheit genießen und im Sonnenuntergang die Yachten der Superreichen betrachten. Hin und wieder einen kleinen Pastis, und nach drei Wochen Traumurlaub an einer der schönsten Küsten der Welt kommt man pleite, aber komplett erholt wieder nach Hause.

Etwas anders hat es Oliver Krauss gemacht. Für den leidenschaftlichen Tüftler und Mitinhaber einer Haustechnik-Firma bei Elmshorn ist der Weg das Ziel.

Seinen dreiwöchigen Jahresurlaub hat der Ingenieur im Sattel seines Motorrads verbracht – drei Wochen auf Achse, Gesantstrecke  4250 Kilometer, ausschließlich auf kleinen Nebenstraßen. Vom heimatlichen Sparrieshoop bis nach Nizza. Über 16 Pässe der Route des Grandes Alpes, mit maximal 80 km/h, meist deutlich langsamer. Und vollkommen lautlos, bis auf das leise Schleifen der Kette, die Abrollgeräusche der Reifen und den Wind unterm Helm.

Seine 49 Jahre alte Honda CJ 250 hatte mal einen Zweizylinder-Reihenmotor mit 27 PS.
Nachdem sich Krauss das alte Vehikel vorgenommen hatte, blieb fast keine Schraube mehr dort, wo sie mal gewesen war.

1080 Akkuzellen ersetzen den Kraftstoff

In 700 Arbeitsstunden, alle nach dem Unternehmer-Feierabend abgeleistet, rüstete Oliver Krauss die Honda zu einem Elektromotorrad um. Insgesamt 1080 Akkuzellen mit einem Gesamtbrutto von 13 Kilowattstunden, intelligent miteinander verschaltet, treiben das Fahrzeug an. Die gleichen, die auch in Tesla-PKWs verbaut sind.

Die „Mustang“ mit dem Emblem des wilden Pferds auf dem „Tank“ ist ein Eigenbau auf Basis einer Honda CJ 250. Die Lackierung hat Oliver Krauss in klassischem „british racing-green“ ausgeführt.

Der bürstenlose Elektromotor leistet rund 16 kW (ca. 22 PS), bei normaler Fahrweise kommt Krauss mit einer Ladung bis zu 160 Kilometer weit. „Das ist genau die richtige Strecke, um auf dem Hinweg vom Aufladen in Duderstadt und die nächste Ladepause in Bebra zu absolvieren“, lächelt der Motorradfahrer mit dem ganz besonderen Untersatz.

Krauss schont seine „Mustang“, fährt den Akku grundsätzlich niemals komplett leer und vermeidet Vollgasfahrten. „Das ganze Fahrzeug ist auf Langlebigkeit ausgelegt. Einzelne Akkuzellen lassen sich nicht austauschen, und der ganze Umbau hat neben der Arbeitszeit rund 9.000 Euro verschlungen. Das möchte ich einfach nicht verheizen.“

Warum überhaupt ein solches Projekt, mit dem man doch einige Einschränkungen auf Langstreckentouren hinnehmen muss? „Ich wollte mir unbedingt mal wieder ein handwerkliches Projekt vornehmen. Elektromobilität fasziniert mich sehr – ich habe schon als Jugendlicher Elektrofahrzeuge konstruiert und gebaut. Und das lautlose Dahingleiten über kleine Nebenstraßen mit einem solchen Motorrad ist für mich die pure Entspannung.“

Leichtbau: Weil ihm der Original-Vorderradkotflügel zu schwer war, hat Oliver Krauss einen eigenen, wesentlich leichteren konstruiert.

Auf dem Rückweg von Nizza stattete der gemütliche E-Biker der Biberstadt abermals einen Besuch ab. „Hier kann ich mein Motorrad dank der vorhandenen Ladestation nicht nur optimal aufladen. Bebra hat zudem auch noch eine sehr angenehme Innenstadt, die mit den vielen Blumen und freundlichen Cafés ausgesprochen einladend wirkt. Ein echter Tipp zum Wiederkommen.“

Kenner wissen: Es handelt sich um eine Kombination des originalen Honda CJ 250-Instruments mit der modernen Überwachungseinheit für die Akkus und einem Halter für die Navigation.

Nach drei Stunden Ladezeit, einem gemütlichen Aufenthalt im Bibercafé und einem sehr interessanten „Benzingespräch“ (darf man das bei einem Elektromotorrad eigentlich so nennen?) schwang Oliver Krauss sich auf seinen Elektro-Oldie und surrte in aller Gemütlichkeit Richtung Heimat. Drei Tage später wollte er wieder bei seiner Familie ankommen. Dort wird seine – steuerfreie –  „Mustang“ ausschließlich mit Solarstrom gefüttert.

Bebra wünscht dem E-Pionier, der bereits seit 2012 ausschließlich elektrisch unterwegs ist und bereits mehrere Fahrzeuge selbst entworfen und gebaut hat, immer gute und unfallfreie Fahrt und dankt herzlich für den angenehmen Besuch!

+++ Nachtrag: Oliver Krauss ist inzwischen gut und störungsfrei wieder zu Hause angekommen. Der Tüftler bedankt sich herzlich für den angenehmen Aufenthalt in Bebra und bei Stadt und Stadtwerken für die tolle Lademöglichkeit.+++

 

 

 

 

 

 

 

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