Mit dem Weihnachtsfest feiern wir die Ankunft von Jesus. Ein besonderes Dankeschön auch in diesem Jahr der Evangelischen Gemeinschaft Bebra, die die wundervolle Krippe im be! aufgebaut hat.

Die besondere Weihnachtsgeschichte: Heute essen wir Kalender

von Dirk Lorey

Mein Opa saß bereits seit zwei Stunden mit Hut und Mantel am Küchentisch und wartete darauf, dass es losging. Oma kontrollierte zum zehnten Mal, ob die Herdplatten auch wirklich ausgeschaltet waren und duftete nach Kölnisch Wasser. Papa band sich seine Krawatte, und wie immer wenn er das tat, staunte ich, wie man sich einen so komplizierten Knoten merken konnte. Und Mama hatte sich besonders herausgeputzt und ihre guten Ohrringe angelegt.

Während die Erwachsenen sich fertig machten, spielte ich mit meinem neuen Polizeiauto. Das hatte ich gestern, am Heiligen Abend, geschenkt bekommen. Nach draußen durfte ich nicht. Ich hatte meine guten Sachen an. Schließlich war ich in ganz Friedlos dafür bekannt, dass ich keiner Pfütze und keinem Schneehaufen aus dem Weg gehen konnte.

Meine „anderen Großeltern“, die Eltern von Papa, wohnten in Weiterode. Anfangs der 1970er-Jahre war eine Fahrt dorthin eine richtige Reise. An diesem Tag lag hoher Schnee, und mein Papa machte sich einen Spaß daraus, in einigen Kurven etwas fester aufs Gaspedal zu treten. Wenn das Auto dann ein bisschen ins Schleudern geriet, quietschten Mama und Oma vor Schreck. Darüber freute ich mich ganz besonders. Schließlich war mein Papa ja der beste Autofahrer der Welt. Ich glaube, Opa musste sich dabei ein Grinsen verkneifen.

Von Friedlos über Mecklar und Blankenheim ging es weiter nach Breitenbach, und von da an fieberte ich Weiterode geradezu entgegen. Weil es dort für einen kleinen Jungen so viel zu erleben gab.

Hatte man Breitenbach hinter sich gelassen, konnte man nämlich in der Ferne schon die Eisenbahnbrücke sehen. Dort rollten Waggons herunter – ohne Lokomotive, ganz von selbst! Wenn man durch den Tunnel weiterfuhr, hörte das Radio auf zu spielen. Auf der anderen Seite ging es, wie von Zauberhand, wieder an. Dann begann das Auto zu rumpeln. In Weiterode war die Straße nicht asphaltiert, sondern mit Kopfstein gepflastert. So etwas kannte ich sonst nirgendwo. Einmal noch musste Papa von der Eisenacher Straße abbiegen, in den Mühlwiesenweg. Das Haus meiner Oma stand an der Ecke zum Rohrweg. Ich freute mich sehr auf meine Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen. Auch Omas Schwester war gekommen, mit ihrem Mann, Beisheims Schorsch. Den mochte ich besonders, weil er so lustig war. Und er fuhr einen riesigen Opel Admiral!

Das Wohnzimmer meiner Großeltern platzte aus allen Nähten. Es duftete nach Kaffee und Kuchen, ein bisschen nach dem Ölofen und ein noch kleineres bisschen nach Mottenkugeln. Weil die Erwachsenen ihre besten Kleidungsstücke nur an festlichen Tagen trugen. Die Großen quetschten sich um den Tisch im Wohnzimmer, wir Kinder aßen in der Küche. Das war uns sowieso viel lieber. Dort waren wir unter uns, konnten uns über unsere Weihnachtsgeschenke unterhalten und albern sein.
Nach dem Kaffee durften wir endlich raus. Vom Garten meiner Großeltern führte eine kleine Auffahrt zur Straße. Wenn man mit dem Schlitten schon neben dem Holzschuppen richtig Schwung nahm, konnte man von dort über den Burgrain bis runter zur Heigernstraße schlittern. Als die Großen uns zum Abendessen hereinriefen, waren wir durchgefroren, aber glücklich.

Ich glaube, es war mein Cousin Ralf, der grinsend in die Küche kam und erklärte: „Ich weiß, was es gleich gibt. Überraschung…“
Im Abstellraum hatte er etwas entdeckt, und jetzt machte er uns anderen Kindern die Nase lang. Natürlich wollten wir alle wissen, was das war. „Fängt mit ‚k’ an…“, machte er es spannend.

„Kuchen? Das hatten wir doch vorhin schon.“ Mein Cousin feixte. Wir rieten drauflos. Kochschinken? Käse? Das war keine Überraschung. Weil Ralf es nicht verraten wollte, beschlossen wir, selbst nachzusehen. In einer Reihe schlichen wir wie die Indianer von der Küche durch den Flur bis zum Abstellraum, wo Oma einige Speisen kühl gestellt hatte. Vorsichtig, damit uns niemand durch den Türspalt vom Wohnzimmer aus sehen konnte. Meine Cousine Heike war die erste. Leise drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür. Drinnen war es dunkel. Heike knipste das Licht an. Wackelpudding! Rot und grün! Hurra! Wir alle liebten Götterspeise! Aber „k“? Ralf lachte. „Wollen wir wetten?“ Leise schlichen wir wieder zurück in die Küche. Niemand hatte uns bemerkt. Ein paar Minuten später machten sich die Frauen daran, das Abendessen aufzutragen. Zu der Zeit war es üblich, ein Fest mit dem Abendessen zu beschließen. Wir Kinder freuten uns nach dem anstrengenden Tag wieder auf zu Hause. Schließlich warteten dort unsere Weihnachtsgeschenke. Die Sache mit dem „k“ hatten wir über unsere anderen Gespräche längst vergessen.

Pappsatt, zufrieden und bestens gelaunt fuhren wir nach diesem wunderbaren Tag zurück in Richtung Heimat. Oma, Opa, Mama und Papa sprachen über die vielen Neuigkeiten, die sie aus Weiterode, Bebra und den Dörfern der Gegend erfahren hatten. Irgendwann fragte ich meinen Vater: „Du Papa, Götterspeise schreibt man doch mit ‚g’, oder?“ „Na klar“, antwortete Papa. „Warum fragst du?“ Ich berichtete von unserer Wackelpudding-Aktion und dass Ralf behauptet hatte, das mit dem „k“ würde stimmen. Papa überlegte eine Weile. In Blankenheim musste er den Wagen stoppen, so sehr hatte er angefangen zu lachen. Als er wieder Luft bekam, drehte er sich zu mir um und erzählte eine Geschichte aus der Zeit, als er selbst noch ein kleiner Junge war.

Es war nicht lange nach dem Krieg. Papas großer Bruder Georg, Ralfs Vater, war krank gewesen. Um ihm und seinen Geschwistern eine Freude zu machen, hatte Oma eine große Schüssel Wackelpudding gekocht. Zum Abkühlen stellte sie diese in das Zimmer, in dem Georg schlief. Als sie später nach ihrem Sohn sehen wollte, wachte dieser auf. Georg sah die Schüssel auf dem Tisch, deutete mit dem Finger darauf und fragte, was das sei.
Oma hatte sich gerade über den kranken Georg gebeugt und seine Stirn gefühlt. Sie blickte über ihre Schulter zurück in Richtung des Tisches. Darüber hing ein Kalender an der Wand. So kam es zu dem kuriosen Missverständnis, das Generationen überdauert hat. Oma antwortete wahrheitsgemäß: „Das ist ein Kalender!“

Für meinen Vater und seine Geschwister hieß der Wackelpudding seither immer „Kalender“. Noch heute nenne ich ihn aus Spaß so. Selbst meine Kinder, die längst erwachsen sind, wissen, dass der bunte Wackelpeter in Wirklichkeit Kalender heißt.

All das ist sehr lange her; von den Erwachsenen, die damals im Wohnzimmer den traditionellen Weiteröder Weihnachtstag gefeiert haben, lebt nur noch mein Onkel Georg. Alle anderen sind längst tot.

Aber sind sie das wirklich? Ich glaube nicht. Jetzt, da ich an meinem Schreibtisch sitze und diese Geschichte aufschreibe, ist es, als stünden sie neben mir. Vielleicht schaut mir mein Vater lachend über die Schulter und flüstert meiner Mutter zu: „Naja, er war schon immer ein Schelm.“ Vielleicht schüttelt meine Oma tadelnd den Kopf und sagt zu meinem Opa: „Dieser Kerl. Immer muss er übertreiben!“ Und vielleicht strahlt mich meine Tante Elfriede mit ihren wunderbaren, stahlblauen Augen an und freut sich, dass ich das Ganze endlich einmal notiert habe.
Ich weiß es nicht. Aber sie alle sind so lebendig in meiner Vorstellung, so ganz und gar leibhaftig. Ist denn die Erinnerung nicht auch wahr?
So lange, wie wir an unsere Lieben denken, und so lange wir die Geschichten über sie erzählen, leben sie weiter. In uns und in unseren liebevollen Gedanken. Sie sind bei uns, auch wenn wir sie nicht sehen.

Genau so ist es mit dem Jesuskind und allen anderen Heiligen aus allen Religionen. Sie sind da, und besonders in dieser so schwierigen Zeit können sie uns eine Stütze sein. Damit wir niemanden vergessen. Vor allem nicht diejenigen, die noch unter uns sind und an der Einsamkeit, an Hoffnungslosigkeit oder einer großen Aufgabe verzweifeln.

Ihnen allen, die Sie diese kleine Geschichte gelesen haben:

Frohe Weihnachten. Bleiben Sie gesund und kommen Sie gut durch diese Zeit.
Und essen Sie gelegentlich mal eine ordentliche Portion Kalender!

Alle Jahre wieder ein Zeichen von Hoffnung und Liebe: Die Krippe der Evangelischen Gemeinschaft Bebra im be!

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