Hat bis jetzt 38 Bebraer Häuser aus alten Pappkartons nachgebaut: Der Aramäer Mousa Malki, der aus Syrien nach Bebra kam. Sein Angebot: Leser von das beste online können ein Modell bei ihm bestellen.

Mousa Malki baut Bebras Häuser nach

„Vorsicht“, denke ich, und bei dem Gedanken an einen Fehltritt wird mir flau. Ich bahne gerade meinen Weg durch das Wohnzimmer von Mousa Malki und seiner Frau Ghada Khourie. Ein einigermaßen schwieriges Unterfangen. Denn ich laufe nicht nur durch die gute Stube, sondern gleichzeitig auch durch eine ganze Stadt. Im Miniaturformat. Häuser, wohin ich blicke. Nebeneinander, übereinander gestapelt, auf dem Fußboden, auf dem Sofa, dem Wohnzimmertisch. Die Schlafzimmertür von Familie Malki steht einen Spalt offen. Auch dort: Häuser. Und Kartons, jede Menge. Obst und Gemüse waren da mal drin; Mousa Malki und seine Frau haben sie aus dem Supermarkt mitgebracht. Dort hätte man das wertvolle Material weggeworfen. Malki aber kann die Pappe gut gebrauchen, für sein Hobby. Der 53-Jährige, der aus dem syrischen Dorf Rotan nach Bebra kam, baut seine neue Heimat Bebra nach. Mit einfachsten Mitteln.

„Ich muss doch irgendetwas machen, um mich bei den Menschen hier zu bedanken“, sagt er, und dabei glänzen seine Augen. Noch vor einigen Monaten sah sein Leben anders aus. Bürgerkrieg, Bedrohung durch religiöse Fanatiker. Marodierende Banden ziehen durch Syrien; wer wie Mousa Malki und seine Frau Ghada Khurie Christ ist, lebt zunehmend gefährlich in einem Land, in dem die Strukturen sich nach und nach aufgelöst haben. Syrien versinkt immer mehr im Chaos. Zwölf christliche Familien lebten einst in dem kleinen Ort nahe Kahtanie. Heute sind es noch drei. Malkis Töchter Basma, 22 und Yara, 20, leben schon seit einiger Zeit in Bebra. „Kommt doch bitte hierher. Wir haben Angst um euch“, riefen die Töchter ein ums andere Mal ins Telefon, wenn die Eltern über die Lebensumstände in der alten Heimat berichteten.

Irgendwann hatten Ghada und Mousa den Entschluss gefasst, die Heimat tatsächlich zu verlassen. Alles hinter sich zu lassen. Die eigene Existenz als Schweißer und Landmaschinentechniker – weil es die Firma wegen des Krieges gar nicht mehr gab. Das eigene Haus. Die geliebte Vogelzucht mit den großen Volieren. 14 verschiedene Vogelarten hatte  Mousa Malki hier gezüchtet, die Jungvögel liebevoll aufgezogen. Kanaris und Papageien überwiegend. Wenn man ihn darauf anspricht, blutet ihm das Herz, so sehr vermisst er die geliebten Tiere und ihren Gesang. Jede freie Minute hat er sich in seiner Heimat um seine Tiere gekümmert. Aus und vorbei.

Trotzdem geht es der Familie in Bebra gut, zumindest „den Umständen entsprechend“. Seit Januar 2017 ist das Ehepaar hier. Mit 53 Jahren lernt man neue Sprachen nicht mehr so leicht. Mousa Malki versteht fast alles, aber selbst sprechen – da ist er etwas gehemmt. Er könnte ja etwas falsch sagen, und das will er nicht. Hilfe bekommt er von seinen Töchtern, die beide perfekt deutsch sprechen. Hilfe kommt auch von Dr. Jibrail Moussa, einem Aramäer, der schon viele Jahre in Bebra lebt. Und von der syrisch-orthodoxen Gemeinde, den Aramäern, die in Bebra eine Heimat haben. Die Gemeindemitglieder helfen sich gegenseitig, und hier wurde Familie Malki warmherzig aufgenommen. Es ist gut, wenn man Bekannte und Freunde in der Fremde hat.

„Nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen“

„Man kann aber doch nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen und darauf warten, dass morgens die Sonne auf- und abends wieder untergeht“, sagt Mousa, und Dr. Jibrail Moussa übersetzt. „Meine Frau und ich haben hier  Geld, eine Wohnung und Sicherheit bekommen. Ich muss doch irgendetwas tun, um mich bei den Menschen aus Bebra für ihre großartige Gastfreundschaft zu bedanken!“  So verlässt Mousa Malki meist am frühen Morgen das Haus und geht durch die Bebraer Straßen. Sein wichtigstes Werkzeug: Das Handy. „Ich tue immer so, als würde ich telefonieren“, gesteht er. „Ich möchte nämlich nicht, dass jemand denkt, ich wolle ein Haus fotografieren, um es auszukundschaften!“ So hat er in den vergangenen drei Monaten Bilder von vielen Bebraer Gebäuden aufgenommen. Aus verschiedenen Perspektiven. Nach diesen Vorlagen baut er dann die Pappmodelle. Ungefähr maßstabsgerecht; mit den Fenstern an den richtigen Stellen und den korrekten Proportionen. Das erste Gebäude war die katholische Kirche – mittlerweile sind es 38 Modellhäuser, darunter das be!, das Inselgebäude und viele andere prominente Bauten. Von dem wenigen Geld, das er und seine Frau bekommen, gelingt es ihnen, noch etwas zu sparen. „Ich brauche ja Farben“, sagt Mousa Malki. „Damit wir die Häuser dann auch richtig bemalen können.“

Ghada Khourie blickt ihren Mann liebevoll an.  „Mitbauen darf ich nicht, das macht mein Mann ganz alleine“, lacht sie, „Aber ich reiche ihm das Material an. Und drehe ihm Zigaretten!“ Mousa Malkis  Frau strahlt. Sie weiß, dass ihr Mann Beschäftigung braucht. Die Häuser von Bebra gefallen ihr. So wie ihr die ganze Stadt Bebra gefällt, wo sie, ihr Mann und die Kinder ungefährdet und in Frieden leben können. Am besten sollte man ganz Bebra nachbauen – aber das geht natürlich nicht. „Höchstens 50“, lacht Mousa Malki. „Ansonsten haben wir keinen Platz mehr zum Schlafen!“ Und dann macht der gelernte Schweißer, der auf der Suche nach Arbeit ist, noch ein Angebot: „Vielleicht möchte ja jemand aus Bebra sein eigenes Haus nachgebaut haben. Dann soll er sich nur bei mir melden.“

Ich finde diese Idee wunderbar. Wer sein eigenes Haus als Pappmodell haben möchte, meldet sich bitte bei der SEB, Dirk Lorey, Tel. 06622/501-220. Wir stellen gerne den Kontakt zu Mousa Malki  her.

 

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